Fette Überraschung

"Ich bin nicht dick", pflegte der kugelrunde Gallier Obelix zu sagen.
"Ich bin kräftig."

Genauso sehen Reiter Ihre Pferde, die niemals zu fett sind. Sie stehen stets prima im Futter, sind stattlich oder allenfalls gut beieinander. Selbst Experten tun sich schwer mit der Pferdefigur. Ob Körperteile knackig, weich oder schon schwabbelig sind, ist oft Gefühlssache. Und wer glaubt, daß Wiegen aussagekräftiger ist als Abtasten, hat sich getäuscht: Solange kein passender Vergleichswert zur Hand ist, erscheint alles unter 600 Kilo normal.

Zumindest bei Warmblütern ist jetzt Schluß mit Schätzen. Dr. Stephanie Schramme, 29jährige Tierärztin aus dem bayrischen Wulfertshausen, entwickelte in ihrer Doktorarbeit an der Universität München eine neue Methode zur Gewichts-Beurteilung - betreut von Futterexpertin Professor Ellen Kienzle und unterstützt von der Firma "Die mobile Pferdewaage".

Basis von Schrammes Gewichts-Check ist die komplett überarbeitete Version des "Body Condition Score" (BCS). Diese Methode erfand der US-Futterexperte D.R. Henneke 1983 an Quarterhorse-Stuten (siehe Cavallo 08/2001). Sein Score galt bisher als bestes Mittel, um die Pferdefigur objektiv zu beurteilen. Aber er hat Mängel. "Bei Pferden anderer Rassen kam es immer wieder zu Fehleinschätzungen. Nach dem alten BCS verzerrten Heu- oder Strohbäuche häufig das Ergebnis", sagt Schramme, die den BCS nun auf Warmblüter justierte und an 95 Pferden prüfte.

Typische Problemzonen

Das Prinzip bleibt weitgehend gleich: Typische Problemzonen(Hals, Schulter, Rücken, Brustwand, Hüfte und Schweifansatz) werden abgetastet und bekommen Noten zwischen 1 (extrem ausgezehrt) und 9 (stark verfettet). Der Notendurchschnitt der sechs Problemzonen ergibt die Gesamtnote; ideal ist für normal beanspruchte Pferde die Note 5.

Die schwankt allerdings um bis zu 3,6 Punkte zwischen altem und neuem BCS. Schuld sind irrige Ansichten über Fettdepots, außerdem die Hengsthälse, Hüfthöcker und der Trainingszustand deutscher Warmblüter. Nach dem alten BCS wird Fett an Stellen vermutet wo nur Muskeln sind. "Da hat nie einer richtig nachgesehen", erklärt Kienzle den falschen Ansatz. "Und wenn, dann wurden nur sportliche Pferde mit wenig Fett wissenschaftlich-anatomisch erforscht."

Bei fetten Pferden fühlt es sich wie Pudding an

Früher hieß die Regel einfach: Je herzförmiger die Kruppe, umso fetter das Pferd. Eine Ausnahme galt nur für Kaltblüter, bei denen die gespaltene Kruppe angezüchtet ist. "Aber es ist falsch auf andere Fettdepots im Körper zu schließen", sagt Schramme.

Zur Kontrolle schnitt sie sechs eingeschläferte Pferde auf. An der Kruppe fand sie nur wenig Fett, was ihre Beobachtungen bestätigte. "Es gibt Pferde mit herausstehenden Rippen und gespaltener Kruppe. Das liegt also nicht am Futterzustand", sagt Schramme. Die gespaltene Kruppe besteht demnach nicht aus Fett, sondern aus Muskeln.

An den Hüften wurden Warmblüter nach dem alten BCS dagegen oft viel zu mager bewertet. Der Grund: Quarterhorses sind hinten viel besser bemuskelt als Voll- oder Warmblutpferde. Deshalb sind ihre Hüfthöcker schon bei Note 5 ganz von Muskeln bedeckt, bei Vollblütern erst ab Note 6 oder 7. "Selbst bei einem gut bemuskelten Warmblüter stehen die Hüfthöcker immer noch hervor. Im alten System gab es dafür nur die Note 4", sagt Schramme. Nicht einmal auf die Rippen, die lange als Signal für dürre oder fette Pferde galten ist verlass, fand die Tierärztin. Am Bauch ist der Hautmuskel nämlich bis zu 1,8 Zentimeter dick; die Fettschicht beginnt erst darunter und ist gar nicht zu spüren.

Wichtiger als Rippen und Kruppe sind Schramme deshalb der Schweifansatz und die Schulter. "Dort ist es einfacher, Fettpolster präzise zu ertasten. Der Hautmuskel ist nur 0,5 Zentimeter dick, und das Fett läßt sich leichter erfühlen. Bei fetten Pferden fühlt es sich wie Pudding an."

Genauso leicht zu messen ist das Kammfett. Dazu muß das Pferd den Kopf senken, was Schramme wiederum am toten Versuchsobjekt simulierte. Beim Aufschneiden des Mähnenkamms quoll ihr pures Fettgewebe entgegen. Der Kamm kann bei Hengsten über 10 Zentimeter hoch sein. (Note 9 stark verfettet) und dadurch die Beurteilung nach dem neuen BCS in die Höhe treiben. "Das ist wie bei Männern, die sagen: 'Eigentlich bin ich schon sportlich. Das ist doch nur ein kleiner Bauch.' Auch wenn er woanders ausgeglichen wird, im Gesamtbild gehört er eben dazu", kommentiert Kienzle.

Futterration bei Bedarf korrigieren

Sie rät zweimal im Jahr Hand ans Fett zu legen und bei Bedarf die Futterration entsprechend zu korrigieren. "Eine einmalige Beurteilung eines Pferdes sagt wenig aus", sagt Kienzle, die zum Preis von 20 Euro eine genaue, zehnseitige Anleitung zur Gewichts-Messung verschickt.* Ein Laie braucht vom ersten Tasten bis zur endgültigen Note rund 20 Minuten, so die Einschätzung der Experten. Keine andere Methode erreicht annähernd diese Präzision, fand Schramme. So ließ sich die Fettschicht bei Pferden nur schlecht mit dem Ultraschall messen, weil der Übergang vom Fett- zum Muskelgewebe fließend war. Auch die Messung der Hautfaltendicke schlug fehl: Die Forscher konnten beim Kneifen nicht feststellen, wieviel Hautmuskulatur und wieviel Fett zwischen Ihren Fingern klemmte. "Außerdem kitzelte das die meisten Pferde so, daß sie nicht mehr stillstanden", erzählt Kienzle.

Dann wollte das Team mit einer Schieblehre die Tiefe der Fettschicht messen. Selbst dies lieferte unterschiedliche Werte und klappte nicht. Als verläßliche Ergänzung zum Tasten und Fühlen empfehlen die Münchener Experten dagegen Maßband und Waage. Sie liefern keine Noten, sondern ein Gewicht in Kilogramm. Das ist wichtig um Wurmkuren und andere Medikamente sowie Zusatzfutter exakt zu dosieren. Auch hier prüften Kienzle & Co. die alte Regel (Brustumfang x Brustumfang x Körperlänge / 11900 = Körpergewicht)

"Damit lagen wir total daneben", sagt Kienzle und suchte mit Schramme nach einer präziseren Formel, die ebenfalls in der Meß-Anleitung erklärt wird. Darin stecken Bandmaß, Brustumfang, Körperumfang, Röhrbeinumfang, Halsumfang und BCS Note. Die Formel testete Schramme an 209 Pferden - alle mindestens zwei Jahre alt, 140 davon Warmblüter und Englische Vollblüter, 18 Haflinger, 18 Kaltblüter, 14 Quarter, 7 Knappstrupper, 6 Araber, 5 Appaloosas und 1 Tinker. "Wir sind total überrascht, daß es tatsächlich geklappt hat", freut sich Kienzle über das Ergebnis: Höchstens 20 Kilogramm (nur 6 Prozent) lagen die per Maßband und Formel errechneten Werte neben dem tatsächlichen Gewicht der Tiere, die zwischen 400 und 744 Kilo wogen.

Schätzen heißt nicht wissen

Das wiederum ermittelte Manfred Müller, Chef der mobilen Pferdewaage. Der Unternehmer aus Crailsheim hatte schon fast 10 000 Pferde auf der Waage mit der er seit anderthalb Jahren von Stall zu Stall fährt. Er weiß um die Gewichts-Probleme bei Pferden, die nur eine Waage löst: "Oft liege sogar ich beim Schätzen noch bis zu 100 Kilogramm daneben." Weil Müller daran interessiert ist, die Figur-Forschung voranzutreiben, stellte er Schramme für ihre Studie über ein Jahr lang kostenlos seine mobile Waage zur Verfügung. Von den neuen Forschungsergebnissen verspricht er sich auch besseren Service für seine Kunden. "Viele steigen mit Ihren Pferden von der Waage, hören das Gewicht und fragen dann was diese Zahl nun bedeutet" sagt Müller, für den "Wiegen erst der Anfang" ist.

Am Ende steht das umfassende Urteil über Gewicht, Futterzustand und Figur. Deshalb schult Müller in Zusammenarbeit mit Schramme nun seine Pferdewaage Vertragspartner in der BCS Benotung, um Kunden möglichst gut beraten zu können. Auch Müller selbst benotete während seiner Wiegetermine schon 1500 Warmblüter nach Schrammes Skala - und errechnete für die Pferde mit Ideal-Note 5 das passende Ideal-Gewicht für jedes Stockmaß und jedes Alter. Erst in dieser Größenordnung wird die Sache repräsentativ", erklärt Müller, der solche Standards künftig noch für weitere Rassen herausfinden will.

Damit könnten sich Pferdebesitzer oder Tierärzte das Tasten sparen und wüßten allein anhand des Gewichts, ob ein Pferd zu fett oder zu dürr ist. Außerdem würde ein solcher Standard das Problem lösen, das der neue BCS ebenso wie jede andere Tast- und Schätzmethode hat: Wer ihn anwendet, kann sich nach Belieben selbst beschummeln. Kienzle beobachtet häufig daß viele Reiter ihre Pferde immer noch optimal finden, obwohl sie mit Figur Noten 7 oder 8 eindeutig zu fett sind. "Runde Pferde entsprechen offenbar eher dem Schönheitsideal", folgert sie.

Die Waage dagegen ist unbestechlich. Das macht Müllers Messungen interessant für Züchter, die sich eine Richtschnur für das Idealgewicht ihrer Rasse wünschen. "Zuchtverbände fragen bei mir fast jede Woche an, ob wir schon Ergebnisse haben."

Bei Isländern und Haflingern hat er das Traumgewicht möglicherweise schon nächstes Jahr ermittelt. Bei seltenen Rassen wie Shire Horses wird Müller wohl nie einen repräsentativen Wert erhalten. "Dazu gibt es zu wenige in Deutschland".

Stephanie Benk

Texte und Bilder aus der Zeitschrift "Cavallo"
Aus der Ausgabe 09/2003 des Magazin CAVALLO, jetzt am Kiosk.

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Tierärztliche Fakultät,
Ludwig-Maximilians-Universität,
Veterinärstr. 13d,
80539 München,
Fax 089-21803208

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