Dem Schein nach

Das Gewicht eines Pferdeanhängers steht in den Papieren. Es ist oft falsch, wie CAVALLO in einem Test herausfand.

Die mobile Pferdewaage - Anhänger wiegen

Sommer 2003: In Nordrhein-Westfahlen und Niedersachsen kontrolliert die Polizei immer wieder Pferdeanhänger. Die Beamten halten die Gespanne an, dirigieren sie auf eine mobile LKW-Waage. Die Ergebnisse überraschen die Fahrer ebenso wie die Polizisten: 80 Prozent der Hänger sind zu schwer. Die Fahrer zahlen Bußgelder bis zu 200 Euro und kassieren diverse Strafpunkte im Flensburger Register.

Wie viel ein Pferdeanhänger wiegen darf, steht schwarz auf rosa im Fahrzeugschein. Er schreibt das erlaubte Gesamtgewicht des Hängers bei maximaler Ladung vor und gibt an, wie schwer der leere Hänger ist. Die Frage ist: Stimmen die Papierwerte mit der Realität überein? Deshalb bat die Redaktion Manfred Müller, den Chef der Firma „Die mobile Pferdewaage“, acht fabrikneue und acht gebrauchte Anhänger nachzumessen. Das Juba Anhängerzentrum im fränkischen Baiersdorf stellte alle Testanhänger zur Verfügung. Manfred Müller baute zwei 1,20 Meter lange und 1 Meter breite Waagen auf, die mit Laptop und Drucker verbunden waren. Die Waage miß mit einer Toleranz von 1 Prozent sehr genau.

Über zwei flache Rampen und mit Hilfe eines wendigen Yamaha Grizzly Ultramatic 600 (vierrädriges Motorrad) wurden die Hänger nacheinander auf die Wiegefläche manövriert. Das Stützrad wurde für die Messung eingeklappt, damit die Achse nicht den Boden berührte und Gewicht aufnahm.
„Ich vermute, daß bei 90 Prozent aller Hänger das vom Hersteller angegebene Gewicht stimmt“, schätzt Juba-Verkaufsberater Uwe Klinner vor Testbeginn. Er berät Käufer von Neu- und Gebrauchthängern und macht sie auch auf ein eventuell zu hohes Gewicht aufmerksam. „Ich denke, das ist nur bei gebrauchten Hängern der Fall, weil die oft mit zusätzlichen Matten oder Gittern ausgerüstet sind. Bei den neuen Hängern müßten die Firmenwerte stimmen.“

Der erste Hänger, ein nagelneuer Sluis Olymp, steht auf der Waage. Müller mißt und Klinner guckt verblüfft: Das Gefährt aus Vollpollywiegt 952 Kilo. Laut Schein darf es nur 775 auf die Waage bringen. Die Differenz von 177 Kilo läßt sich nicht mit nachgerüsteten Matten oder zusätzlichen Anbauten begründen, denn der Olymp ist ein neues Standardmodell. Die Konsequenzen sind klar: Würde man den Olymp mit zwei durchschnitlich schweren Warmblütern à 700 Kilo beladen, brächte er satte 2352 Kilo auf die Waage, Sein zulässiges Gesamtgewicht beträgt jedoch nur 2000 Kilo – der Hänger wäre also mit 352 Kilo (etwa dem Gewicht eines Welshponys) überladen.

Das große Modell Oblic 2 des französischen Herstellers Fautras wiegt mit 1092 Kilo immerhin 102 Kilo mehr als im Fahrzeugschein angegeben. Auch der nächste überprüfte Fautras, ein Provan 1, liegt mit 61 Kilo über dem offiziellen Gewicht von 850 Kilo. Eric Hertzog, Geschäftsführer von Fautra Deutschland, sucht nach Erklärungen für die Abweichungen, als ihn die Redaktion nach dem Unterscheid von Schein und Sein fragt:
„Schuld am Übergewicht könnten Unregelmäßigkeiten bei der Herstellung sein“, vermutet er.

Wie bei den meisten Anhängern aus Vollpolyester wird bei den Fautras-Anhängern der Kunststoff gespritzt. Je nach Spritzdauer kann die Dicke des Kunststoffs von Hänger zu Hänger verschieden um einige Millimeter variieren. Ein Anhänger mit einer dickeren Kunststoffwand ist natürlich schwerer. „Wir haben dabei selber Differenzen bis zu 150 Kilo gemessen“ räumt Hertzog ein. Eine weitere Ursache für falsche Gewichte in den Papieren sieht Hertzog in der Zulassungspraxis für neue Anhänger: „Wir haben die Modelle Provan und Oblic vor rund sieben Jahren zur Zulassung beim deutschen TÜV angemeldet. Damals wurden die Hänger vom TÜV gemessen, geprüft und gewogen. Für den Oblic waren das 990 Kilo, für den Provan 850 Kilo.“ Seither stehen diese Gewichte unverändert in den Papieren aller Hänger, obwohl Fautras in den vergangenen sieben Jahren die beiden Modelle weiterentwickelte. So wurde beispielsweise der früher verwendete Holzboden durch einen Fußboden aus modernerem (aber schwererem) Kunststoff ersetzt. Die ehemals installierten Kunststoffmatten für den Boden wurden gleichfalls ausgetauscht. Heute sind sie dicker, haltbarer und einige Kilo schwerer als früher.

Auch die Kupplungen der Oblic- und Provan-Modelle wurden geändert. Früher bestanden sie aus Aluminium. Inzwischen entwickelte Fautras eine neue, abschließbare Anhängung, die aus schwerem Guß gefertigt wird. Da trotz der Veränderungen kein neues Modell entstand, war keine neue Zulassung notwendig. Deshalb stehen heute nach wie vor die alten zu niedrigen Gewichte in den Fahrzeugpapieren. Eric Hertzog bedauert das. Angeregt durch den CAVALLO-Test überlegt er, nach jeder Veränderung das Modell vom TÜV neu wiegen und das aktuelle Gewicht in den Papieren festschreiben zu lassen. Das ist allerdings aufwendig – und weder bei Anhängern noch bei Autos und Motorrädern üblich.

Weil sie die Unwägbarkeiten bei der Herstellung kennen, müssen Hängerhersteller deshalb inzwischen einen Toleranzbereich für das Gewicht angeben. Bei den fabrikneuen Anhängern im CAVALLO-Test tun das die Hersteller Camp-Let und Humbaur.
Der Mustang Allround von Camp-Let wiegt leer genau 900 Kilo. Sein Gewicht wird im Fahzeugschein mit 700 bis 903 Kilo angegeben. Auch das Modell Pegasus von Humbaur liegt mit gemessenen 906 Kilo im angegebenen Toleranzbereich von 860-915 Kilo. Der Humbauer Anhänger hat ein zulässiges Gesamtgewicht von 2000 Kilo, das Camp-Let-Modell ein Gesamtgewicht von 2400 Kilo.

Doch warum steht in einigen Scheinen ein Toleranzbereich, in den anderen ein scheinbar exaktes Gewicht? Die Antwort ist so einfach wie unbefriedigend. Seit fünf Jahren muß jedes neues Serienmodell das eine Allgemeine Betriebserlaubnis (ABE) bekommen soll, zweimal auf die Waage. Einmal wird der Hänger in sogenannter Minimalaustattung gewogen – also in der leichtesten Bauweise, mit den leichtesten Fußmatten und Heckklappen, in der Regel ohne Trennwand und ohne Reserverad.
Bei der zweiten Messung wird das maximale Leergewicht bestimmt. Hierfür wird ein Hänger mit Maximalausstattung (etwa schweren Gummimatten, verstärkter Heckklappe, Trennwand aus Holz) gewogen. Mitgewogen wird hier auch das Reserverad, das allein 21 Kilo auf die Waage bringt. Minimal- und Maximalwerte ergeben den Toleranzbereich. Für den Hängerfahrer ergibt sich daraus ein Problem: Er weiß nicht, wie schwer die Ausführung seines Hängers ist. Besitzt er die ultraleichte Variante, oder zieht er den Hänger mit Maximalaustattung, der bis zu 300 Kilo schwerer sein kann?

Noch größer sind die Probleme beim Kauf eines gebrauchten Hängers. Bei älteren Modellen geben die Hersteller ein exaktes Gewicht an, das freilich noch weniger exakt ist als bei fabrikneuen Produkten.
Grund sind hier oft zusätzliche Anbauten des Vorbesitzers, die im Fahrzeugschein zwar vermerkt, aber nicht zum Leergewicht addiert werden. So brachte ein gebrauchter Aluminiumhänger von Sluis im CAVALLO-Test mit 1016 Kilo satte 316 Kilo mehr als im Schein angegeben. – ein extremes Übergewicht. Der Vorbesitzer hatte zwei zusätzliche Wassertanks à zehn Liter Marke Eigenbau an die Außenwand geschraubt. Zusätzlich fielen zwei schwere Gummimatten und ein Freßgitter, das nicht zur Serienaustattung gehört, ins Gewicht.

Auch andere gebrauchte Hänger waren deutlich schwerer als angegeben: Ein Humbaur-Rapid wog 194 Kilo mehr, ein Blomert T2 BEPS 157 Kilo mehr. Auch unter den gebrauchten Modellen gab eis zwei Anhänger (Westfalia und Bertuola), die einen Toleranzbereich angeben. Bei Westfalia liegt der Hänger mit gewogenen 921 Kilo am oberen Ende der Toleranz. (630 bis 921 Kilo), bei Bertuola mit 674 Kilo am unteren Ende (670 bis 755 Kilo)

Der CAVALLO-Versuch legt den Verdacht nahe, daß die meisten Pferdeanhänger schwerer sind als die Polizei erlaubt. Der Dumme ist der ahnungslose Fahrer, der gleich zwei Probleme im Nacken hat: Das unbekannte Leergewicht und das unbekannte Gewicht der Pferde. Auch sie sind oft schwerer als vermutet. „Viele schätzen einen Warmblüter noch immer auf 500 Kilo“, sagt Wiegeprofi Manfred Müller. Er wog in den letzten zweieinhalb Jahren Hunderte Pferde in ganz Deutschland. „Man verschätzt sich immer. Warmblüter können durchaus 700 Kilooder sogar 800 Kilo wiegen. Und Haflinger erreichen häufig die 600-Kilo-Grenze.“ Mögliche Folgen zeigt eine Musterrechnung. Ein Hänger ist in den Papieren mit 755 Kilo angegeben, das zulässige Gesamtgewicht beträgt 2000 Kilogramm. Das lässt vermutlich genug Spielraum um zwei Warmblüter zu transportieren. In Wahrheit wiegt der Hänger 900 Kilogramm, die beiden Pferde zusammen bringen 1600 Kilogramm auf die Waage. Der Hänger ist also um 500 Kilo überladen.

Eine derartige Überladung beschert nicht nur Punkte in Flansburg und ein saftiges Bußgeld, sondern birgt auch ein extremes Risiko für Mensch und Pferd – vor allem, wenn das Zugfahrzeug garnicht für dieses Gewicht geeignet ist. Mit jedem zusätzlichen Kilo hinter dem Zugfahrzeug steigt die Anfäligkeit des Gespanns. Es kann in Kurven ausbrechen, schiebt bergab unkontrolliert. Beim Anfahren oder bergauf wird das Zugfahrzeug drastisch überbelastet. „Weil Ihre Autos nicht soviel ziehen können, fragen viele Kunden nach dem Hängergewicht“, sagt Klimmer. Gerade sie sollten sich also nach diesem Test nicht mehr auf die Angaben im Schein verlassen.

Angesichts solcher Meßergebnisse sind vor allem die Hersteller gefordert. Soe dürfen Ihre Produkte nicht nur exemplarisch wiegen oder für die unterscheidliche Ausstattung ihrer Modelle einen Toleranzbereich angeben. Sinnvoller ist, jeden Hänger in seiner individuellen Ausstattung zu wiegen und mit einem Wiegepass auszustatten, bevor er das Werk verlässt. Ungeklärt ist die Frage, ob ein Hersteller nicht sogar im Rahmen der Produkthaftung in Anspruch genommen werden kann, wenn ein überladenes Gespann verunglückt.

Bei einem Unfall mit einer überladenen Risiko-Schleuder auf Räderndürfte wahrscheinlich auch die Haftpflichversicherung den Schadenersatz verweigern. Wer weder schlimme Unfälle noch Bußgeld riskieren will, ist gut beraten, seinen Hänger und sein Pferd wiegen zu lassen, bevor er eine Fahrt mit ungewissem Ausgang antritt.

Lars Herde
Texte und Titelbild aus der Zeitschrift "Cavallo" Aus der Ausgabe 04/2004 des Magazin CAVALLO, jetzt am Kiosk. Bilder: "Die mobile Pferdewaage"

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